Bei der gestrigen Sendung “Menschen bei Maischberger” wurde zum Thema “Bio, Burger oder Genfood – Streit ums Essen” diskutiert gestritten.
75 Minuten lang - mit sehr dünnem Ergebnis.
Joseph Wilhelm, Gründer des Naturkost-Herstellers “Rapunzel” fiel durch eine zurückhaltende, etwas ideologisch wirkende aber sympatisch menschliche Diskussionsweise auf. Einige Beiträge waren leider faktisch falsch, was auch gleich triumphierend von Michael Miersch aufgenommen wurde, der im allgemeinen eher durch eine fast fundamentale Contra-Position auffiel.
Miersch war mir vor der Sendung bekannt als Blogger mit einer mir unangenehm auffallenden Sympatie für Konzern-finanzierte Kampagnen wie PETAkillsanimals oder dem “Center of Consumer Freedom” sowie als Autor von Kolumnen im Springer-Blatt “Welt”.
Zugegeben, hier habe ich keine umwerfenden Argumente erwartet. Sein optisches Auftreten war seriös, seine Argumente laut, seine Formulierungen prägnant, doch trotz vieler Worte klang der O-Ton eher nach fundamentaler Ablehnung von allem, was alternativ, natürlich und nicht-synthetisch ist.
Konstruktive Lösungsansätze für Probleme vernahm ich von dieser Seite jedenfalls nicht.
Herr Prof. Dr. Beda M. Stadler ließ mich schmunzeln, als er den vegan lebenden Mit-Diskutanten Bodybuilding-Weltmeister Alexander Dargatz darauf ansprach, dass doch auch in Pflanzen Gene drin steckten. Das Thema war zu dem Zeitpunkt bereits die Frage, ob Fleisch-essen gesund und nachhaltig ist.
Alexander Dargatz lehnt aus ethischen Gründen jegliche tierische Produkte ab und stellte fest, dass es ihm in dieser Sache überhaupt gar nicht um die Gene im Fleisch geht sondern um ethische Gründe (was ist an Artgerechtigkeit gerecht?).
Prof. Dr. Stadlers seltene aber umso explosionsartigere Beiträge gingen leider nicht weit über - teilweise fast beleidigende - Phrasen und stechende Blicke und Verweisen auf die Gesundheit der gentechnik-mampfenden, amerikanischen Bevölkerung hinaus, was dann Frau Wiener dazu verleitete, eine etwas antiamerikanische klingende Bemerkung von sich zu geben, die dann auch prompt kritisiert wurde (womit das Thema leider ausdiskutiert war. Lebt denn die amerikanische Bevölkerung so gesund?).
Da hätte ich von einem so hoch titulierten Menschen wie Professor Dr. Beda Stadler mehr Konstruktivität erwartet.
Sein Buch “Gene an die Gabel” wurde am Ende der Diskussion mit Sarah Wiener gegen ihr Bio-Kochbuch getauscht. Netter Versuch eines friedlichen Diskussionsendes.
Sarah Wiener wirkte recht sympatisch (und hat ja als Fernsehköchin genügend Übung), statt dem Wort “Gesundung” hätte sie aber auch “Heilung” verwenden können. Dann hätte es nicht so abgehoben geklungen :-).
Insgesamt gab es bei der Sendung keinen Konsens (was ich auch nicht erwartet hatte) sondern vielmehr eine Diskussion mit Menschen, deren völlige Voreingenommenheit man förmlich spürte. Nicht überraschend, wenn man die Aktivitätsbereiche der Rundenteilnehmer beachtet.
Aber auch die Grundfragen blieben weitgehend ungeklärt:
- Kann der Mensch überhaupt die Wechselwirkungen von zig-Millionen Genkombinationen ausreichend (= absolut ungefährlich) abschätzen, um eine Gefahr für Umwelt, Menschen und Artenvielfalt definitiv ausschließen zu können?
- ist es anzunehmen, dass Menschen in der Lage sind, Pflanzen genetisch so zu verändern, dass sie nachhaltig und unschädlich angebaut werden können? Kann der Mensch die komplexe Entwicklung von Pflanzen wirklich optimieren, wenn die Evolution dies bisher - nach Meinung einiger Leute - nicht in Jahrmillionen geschafft hat?
- Ist es nicht doch ein Unterschied, ob Pflanzensorten durch künstlich verursachte Mutation (-> Behinderung) (z.b durch Bestrahlung) gezüchtet werden, oder durch gezielten Eingriff in die DNS (->Doping)?
- Wenn der Welthunger doch - wie in der Runde unisono anerkannt wurde - ein Verteilungsproblem ist - warum behauptet man dann, dass die Gentechnik das Welthungerproblem lösen könnte?
- weshalb müssen Gentechnikversuche auf freien Flächen durchgeführt werden, wenn der Nutzen der Gentechnik völlig fraglich ist?
Obwohl Diskussionsteilnehmer Herr Kleeblatt in Richtung hohen Fleischkonsums und Gentechnik redete - also nicht unbedingt die Positionen von Bio-Intern - machte er einen anwesenden, diskussionsbereiten Eindruck.
Miersch und Stadler wirkten hier eher geübt und geschmiert (im doppelten Wortsinn - rhetorisches Geschick mit recht dünnem Inhalt, Pressesprecher-Auftreten).
Das Thema “geschmiert” wurde übrigens aus gegebenem Anlass in der Sendung aufgenommen. Stadler verneinte eine Finanzierung durch die Industrie.
Wer hätte es gedacht…